Wir haben an dem CSD Stuttgart 2000 teilgenommen. Es haben einzelne von uns an der Parade teilnehmen. Außerdem hatten wir einen eigenen Infostand im Rahmen der CSD-Hocketse am Sonntag, den 30. Juli 2000. Unter anderem verteilten wir dabei Blätter mit dem folgenden Text.
Die Selbsthilfegruppe soll für Menschen, die sich selbst, gerade auf der Ebene des eigenen Geschlechts, finden wollen, eine Hilfe bieten. Außerdem können wir Erfahrungen und Informationen unter anderem zu den Themen der medizinischen Geschlechtsangleichung, der rechtlichen Anerkennung des Geschlechtswechsels, den Problemen in der Arbeitswelt und im sonstigen sozialen Umfeld austauschen.
Es gibt oft genug Akzeptanzprobleme im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Familie und/oder im Arbeitsumfeld. Leider droht einigen auch die Arbeitslosigkeit, einige sind schon arbeitslos und treffen bei ihren Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen auf Vorurteile. Gerade Transsexuelle sind davon besonders betroffen, weil sie sich teilweise nicht aussuchen könnnen, ob und wann sie sich offenbaren. Auch dafür wollen wir ein Auffangnetz bieten.
Teilweise beruhen diese Akzeptanzprobleme auch auf fehlender Aufklärung darüber, wie wir fühlen, wie wir wirklich leben, usw. Daher sind wir offen und freuen uns gerne, wenn Angehörige und Freunde von Betroffenen auch den Weg zu uns finden und sich in unsere Arbeit einbringen.
Natürlich hat die Arbeit in einer Selbsthilfegruppe auch ihre Grenzen. In der Gruppe können wir natürlich Erfahrungen und sachliche Information austauschen, einander zuhören. Eine eventuell nötige professionelle Beratung oder Therapie können wir damit aber nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.
Auch wenn die Gruppe den Namen "Transsexuellen-Selbsthilfegruppe" verwendet, ist sie dennoch offen für alle, die sich selbst, besonders im Bereich der eigenen Geschlechtlichkeit, suchen und/oder einen Platz brauchen, in dem sie offen mit anderen über die Thematik reden können, auch wenn sie sich nicht unter den Begriff der "Transsexualität" im engeren Sinne einordnen können oder wollen.
Es gibt nämlich nicht nur Transsexuelle im engeren Sinne, die ihren Körper und ihre sozialen Rolle ablehnen und eine möglichst vollständige Angleichung zu erreichen wünschen, und Transvestiten, die sich in ihrem körperlichen und sozialen Geschlecht weitgehend wohl fühlen, wenn sie gelegentlich in die Hülle des "anderen" Geschlechts schlüpfen können. Sondern es gibt auch allerlei sonstige Möglichkeiten, wie Menschen geschlechtlich veranlagt sind und wie sie dies leben.
Gerade weil zwar solche starken Unterschiede bestehen, die Grenzen jedoch fließend sind, ist die Stuttgarter Selbsthilfegruppe offen für alle, die bei uns Anschluß suchen. Aus dem selben Grund suchen manche auch Oberbegriffe zusätzlich zu den spezifischen Begriffen, wie z.B. "Transgender" oder "Transidentität".
Transidentische Menschen können genauso wie andere Menschen unterschiedliche Orientierungen haben. Sie können zu Männern oder zu Frauen hingezogen sein. Andere entwickeln möglicherweise die Einstellung, daß das Geschlecht für die ParterInnenwahl völlig irrelevant ist. Andere gehen Partnerschaften mit anderen Transgender ein. Es stimmt also nicht, daß, wie manche Vorurteile sagen, Transsexuelle alle schwul seien. Auch stimmt nicht, daß es keine schwulen Transmänner ("Frau-zu-Mann") oder lesbische Transfrauen ("Mann-zu-Frau") gäbe.
Neben der auf jeden Fall wichtigen Selbstfindungsphase, in der wir unser inneres Sein finden, in der wir aber auch oft die gesellschaftlichen Vorstellungen über Geschlechtlichkeit hinterfragen und unsere Beziehung dazu suchen, sind für viele von uns auch medizinische und rechtliche Angleichungen an das Zielgeschlecht wichtig.
Man kann mit Geschlechtshormonen bereits eine deutliche Annäherung an das gefühlte Geschlecht erreichen: Frauen ("Mann-zu-Frau") erreichen ein Brustwachstum und mehr oder weniger eine Verweiblichung der Gesichts- und Körperformen. Bei Männern hört die Menstruation auf, die Stimme wird mit der Zeit tiefer und voller, es wächst ein Bart.
Frauen lassen oft auch ihren männlichen Bart dauerhaft entfernen (Epilation), was zwar langwierig, aber dennoch meist wichtig für das soziale Leben, ist.
Außerdem lassen einige auch chirurgische Eingriffe vornehmen, z.B. Brustvergrößerung bzw. -verkleinerung, Penisaufbau bzw. Aufbau einer Scheide mit oft auch sensibler Klitoris. Allerdings läßt sich es nicht erreichen, daß wir im empfundenen Geschlecht Kinder zeugen bzw. empfangen können.
Auf der rechtlichen Ebene gibt es die Möglichkeit der Vornamensänderung in Vornamen des Empfindungsgeschlechts sowie die volle rechtliche Anerkennung des neuen Geschlechts. Nur für die letztere wird verlangt, daß eine eventuelle Ehe vorher geschieden wird und daß man sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat und dauerhaft unfruchtbar sein muß. In beiden Verfahren werden zwei Gutachten gefordert.
Auch wenn diese rechtlichen Möglichkeiten weit besser sind als ein vollkommen rechtloser Status, wird das Gesetz weder seinen eigenen Zielsetzungen noch der Idee eines freiheitlichen Staates gerecht. Die Verfahren sind hauptsächlich wegen der Forderung nach zwei Gutachten sehr langwierig, obwohl als Zielsetzung der Vornamensänderung ausdrücklich genannt ist, frühzeitig ein Leben im empfundenen Geschlecht rechtlich zu ermöglichen bzw. zu unterstützen. Auch stellt sich die Frage, ob in einem freiheitlichen Staat nicht konsequenterweise die Wahl der Vornamen frei sein sollte. Auch die Abhängigkeitssituation, in die wir bei den Gutachtern gezwungen werden, ist entwürdigend, zumal es einzelne GutachterInnen gibt, die diese tatsächlich ausnutzen. Zum Schluß werden Transsexuelle, die sich ja nicht ausgesucht haben, transsexuell zu sein, mit den hohen Kosten (über 1000 DM bis hin zu 4000 DM) belastet.
Auch im Zusammenhang mit der geplanten eingetragenen Partnerschaft gibt es rechtliche Probleme. Menschen, die nur die Vornamensänderung erreicht haben, gehören rechtlich dem bisherigen Geschlecht an, können aber nicht dementsprechend heiraten, ohne diese Vornamensänderung wieder zu verlieren. Aber auf der anderen Seite ist nach dem Entwurf eine eingetragene Partnerschaft nur mit dem rechtlich gleichen Geschlecht möglich!
Außerdem muß ja weiterhin für die rechtliche Geschlechtsänderung eine Ehe geschieden werden. D.h. eine Möglichkeit zur direkten Umwandlung in eine eingetragene Partnerschaft (oder umgekehrt) ist nicht vorgesehen. Es muß erst ein gerichtliches Scheidungsverfahren durchgeführt werden, danach die rechtliche Geschlechtsänderung, dann eine neue Schließung der Partnerschaft.
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